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Freitag, 17. Juli 2026

Bestimmst du oder dein ERP die digitale Zukunft deines Unternehmens?

In Digitalisierungsprojekten beobachte ich immer wieder dasselbe Muster. Die Diskussion beginnt meist mit Systemen. Welches ERP soll führend sein? Brauchen wir ein PIM? Soll das Kundenportal direkt auf dem ERP aufbauen? Welche Schnittstellen benötigen wir? Auf den ersten Blick wirken diese Fragen technisch. Tatsächlich versteckt sich dahinter jedoch oft eine viel grundlegendere Entscheidung. Eine strategische Entscheidung. Denn viele Unternehmen glauben, sie würden über Systeme sprechen. In Wirklichkeit entscheiden sie darüber, wie innovationsfähig sie in fünf oder zehn Jahren noch sein werden.

Die falsche Frage

In Workshops wird häufig diskutiert, welches System künftig die führende Rolle übernehmen soll. ERP. CRM. PIM. Kundenportal. Dabei wird oft übersehen, dass keines dieser Systeme Selbstzweck ist. Sie sind lediglich Werkzeuge. Die eigentliche Frage lautet: Wer bestimmt künftig die digitale Weiterentwicklung des Unternehmens? Die Kunden? Der Markt? Die Unternehmensstrategie? Oder die Möglichkeiten der bestehenden Softwarelandschaft? Diese Frage wird selten explizit gestellt. Ihre Auswirkungen zeigen sich jedoch oft Jahre später.

Die Denkfalle

Versteh mich nicht falsch. ERP-Systeme sind enorm wichtig. In den meisten Unternehmen sind sie über die Jahre stark gewachsen, angepasst und verfeinert. Sie funktionieren. Für Logistik, Einkauf, Fakturierung und Aufträge.

Das Problem liegt nicht im System. Es liegt in der Frage, die man stellt:

Wer bei jeder neuen digitalen Idee als erstes fragt: "Kann unser ERP das?", hat die Innovationsführerschaft stillschweigend an sein ERP abgegeben.

Nicht weil das ERP schlecht ist. Sondern weil die Frage falsch gestellt ist.
Die richtige Frage wäre: "Was braucht unser Kunde — und welches System ist dafür am besten geeignet?" Das klingt nach einer kleinen Verschiebung. In der Praxis ist es ein fundamentaler Unterschied.

Das Muster, das ich immer wieder sehe

Zu Beginn eines Projekts scheint alles einfach. Ein Unternehmen möchte einen B2B-Shop aufbauen. Oder ein Kundenportal. Oder einen Self-Service-Bereich. Die Anforderungen wirken überschaubar. Doch kaum ist die Plattform da, entstehen neue Ideen. Kunden wünschen sich Projektbereiche. Objektverwaltungen. Genehmigungsprozesse. Favoritenlisten. Baustellenmanagement. Mobile Anwendungen. KI-gestützte Assistenten. Digitale Services, die bei Projektstart noch niemand auf dem Radar hatte.

Genau in diesem Moment zeigt sich die Qualität einer Architektur. Nicht am ersten Go-Live. Sondern bei der Frage:Wie einfach können wir die nächste Idee umsetzen?

Wer besitzt die digitale Innovation?

Die Problematik ist auf einen Satz reduziert die folgende:

Wenn jede neue Funktion zuerst durch das ERP muss, wird die Innovationsgeschwindigkeit des Unternehmens durch das ERP bestimmt.

Das klingt zunächst harmlos. Die Konsequenz ist jedoch weitreichend. Wer die digitale Kundenschnittstelle vollständig an das ERP bindet, delegiert einen Teil seiner Innovationsfähigkeit an die ERP-Architektur.

  • Neue Ideen müssen zuerst technisch möglich sein.

  • Neue Services müssen sich in bestehende Strukturen einfügen.

  • Neue Geschäftsmodelle werden durch bestehende Systemgrenzen beeinflusst.

Irgendwann beginnt das Unternehmen, seine Zukunft entlang der Möglichkeiten seiner Software zu planen. Dabei sollte es genau umgekehrt sein. Die Software sollte die Unternehmensstrategie unterstützen. Nicht die Strategie die Software.

Die Plattform-Perspektive

Aus meiner Sicht verfolgen erfolgreiche Unternehmen deshalb einen anderen Ansatz. Sie betrachten ihre digitale Plattform als eigenständige strategische Fähigkeit.

Das ERP bleibt weiterhin führend für kaufmännische Prozesse. Andere Komponenten übernehmen andere Aufgaben. Ein PIM verwaltet Produktwissen. Ein Kundenportal übernimmt Self-Service. Ein Service Layer verbindet Prozesse und Systeme. KI-Services unterstützen Mitarbeitende und Kunden. Jede Komponente macht das, worin sie stark ist.

Dadurch entsteht ein Plattform-Ökosystem, das sich Schritt für Schritt weiterentwickeln kann, ohne dass jede neue Idee automatisch zu einem ERP-Projekt wird.

Fazit

Die wichtigste Frage bei digitalen Plattformen lautet nicht: Welches System? Die wichtigste Frage lautet: Wer bestimmt künftig die digitale Weiterentwicklung unseres Unternehmens?

Wer diese Frage nicht bewusst beantwortet, beantwortet sie trotzdem — nur unbewusst. Meistens zugunsten des Systems, das bereits im Haus ist. Das muss kein Fehler sein. Aber es sollte eine Entscheidung sein, keine Unterlassung.

Unternehmen, die ich als innovationsstark erlebe, haben eines gemeinsam: Sie haben ihre digitale Plattform als eigenständige strategische Fähigkeit definiert. Unabhängig davon, welche Einzelsysteme darunter laufen. Das ERP macht, was es kann. Der Rest auch. Und neue Ideen scheitern nicht daran, ob ein Modul existiert.

Am Ende geht es nicht darum, ein ERP ins Internet zu bringen. Es geht darum, eine Plattform aufzubauen, die in zehn Jahren noch mitdenkt mit dem Unternehmen.

Autor

Reto Gurtner

Consulting, Geschäftsführer & Founder

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buzzle PIM-System